EDWIN ZAFT
 

In erster Linie, auf ganzer Linie, in zweiter Linie, in gerader Linie, die große Linie, die schlanke Linie, eine gerade Linie, eine Linie haben, entlang der Linie, in einer Linie mit, gestrichelte Linie, vorderste Linie, unterbrochene Linie, Fortsetzung der Linie, unter der Linie, auf die Linie achten, vertikale Linie, in letzter Linie, haarfeine Linie, auf eine Linie kommen, vordere Linie, moderne Linie...

Parallel zu meinen malerischen Arbeiten habe ich mich nach langer Zeit wieder mit der Radierung, insbesondere mit der Kaltnadel beschäftigt. Das Ritzen der Linien in den Druckträger, das anschließende Einreiben und Auswischen der Druckfarbe hat mich auf die Idee gebracht, diesen Prozeß auf die Leinwand zu übertragen. Mich interessiert hierbei die Autorität der Linie und die Reduzierung auf das Monochrome.

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Blinky Palermo, Antoni Tapies, Emil Schumacher, Gerhard Richter, Jörg Immendorf; Joseph Beuys, Künstler, artist, contemprary art, zeitgenössische Kunst. Grafik, graphic art, Malerei, painting, german artist, Kunst,Christies, Sothebys,

Am Anfang stand die Idee der Reduktion – ich wollte wegkommen von komplexen Bildern mit Räumen und raffinierten Farbklängen – ich wollte Einfachheit, etwas Monochromes und Ruhe. Die Linie war mir genau recht – sie ist das einfachste Mittel bildnerischer Darstellung – sie ist primitiv und durchsetzungsfähig, autoritär und manchmal kompetent. Das fand ich spannend.

Während ein komplexes System von Linien eine Zeichnung ergibt, besteht die Reduktion aus einem Minimum an Linien – bestenfalls aus EINER Linie. Ich wollte also nicht eine Zeichnung, die etwas darstellt, sondern die einfache Linie, die auf die Oberfläche gesetzt oder in sie hineingekratzt wird.

Die Frage für mich bestand darin, herauszufinden, ob eine solche Reduziertheit tragfähig ist für ein autonomes Bild. Kann eine einzelne Linie, die nichts darstellt, ein Bild ergeben? Hat eine einzelne Linie die Autorität, sich in einer Bildfläche zu behaupten?

Das ist sozusagen ein kammermusikalischer Vorgang – kein Orchesterwerk, sondern eine Sonate eines einzelnen Instrumentes – meinetwegen ein Solo, eine Improvisation auf einem eingefärbten Untergrund.

Natürlich! Wenn ich eine Linie in eine perfekte Fläche setze – sagen wir, ich kratze eine Linie in die hochglanzpolierte Motorhaube eines Autos, so bin ich sicher: diese Linie wird gesehen.

Nach dieser Idee bin ich vorgegangen: ich hatte mich seit einiger Zeit mit der Kaltnadelradierung beschäftigt, bei der man Linien in eine blanke Zinkplatte o.Ä. kratzt, die Platte dann mit Farbe überzieht und sie anschließend von der Oberfläche wieder wegwischt. Die Farbe bleibt in den eingeritzten Linien haften und wird als Druckbild in der Druckpresse an das Papier abgegeben. Auf dieser Basis habe ich meine LINIENBILDER gefertigt.

Ich bestreiche eine Bildfläche (Papier, Leinwand oder Holz) mit Acrylmasse, verdickter Farbe oder Gips und ritze nun meine Linien in diese Masse. Ich zeichne sozusagen blind (weil Weiss in Weiss) in eine Farbmasse. Nach dem Trocknungsprozess, der meistens eine Nacht dauert, gebe ich über die gesamte Fläche eine langsam trocknende Farbe (Öl- oder Druckfarbe) und wische sie anschließend von der Oberfläche wieder ab. Das ist der eigentliche Moment, in dem die Linien sichtbar werden und das Bild entsteht. Wie ein Fotograf in der Dunkelkammer kann ich hier das Bild entwickeln – Lichter setzen, Dunkelheiten stehen lassen und Konturen herausarbeiten. Wie in einem Entwicklerbad wird das Bild immer deutlicher.

Nun spielen die Flächen ja auch noch eine Rolle. Ich kann den Untergrund beeinflussen, indem ich ihn einfach weiss (bei einer grundierten Leinwand) stehen lasse oder ihm eine Farbigkeit gebe. Ich kann den Bildgrund aber auch schon mit Flächen, die kompositorisch zum Einsatz kommen sollen, versehen. Auch die nächste Arbeitsstufe bietet vielfache Möglichkeiten der Gestaltung. Die aufgetragene Acrylmasse kann glatt aufgetragen, mit Struktur oder Mustern versehen werden.

Ich bin in die Reduktion gegangen, um wegzukommen von den millionenfachen Möglichkeiten der Motivwahl, Farbwahl, Wahl der Technik etc. - ich wollte ruhige, einfache monochrome Bilder machen. Doch als ich den Einstieg in die scheinbare Einfachheit dieses Ansatzes gefunden hatte, eröffnete sich ein neues Universum an Möglichkeiten.

Und die Frage, woher kommen die Linien, wo sind sie abgespeichert oder sind es lauter Neuerfindungen, beantwortete sich für mich auf eine verblüffende Weise: Jeden Morgen gehe ich, bevor ich ins Atelier gehe, zuerst mit unserem Hund durch einen Feldweg, vorbei an Eseln und Pferden links und rechts Gebüsch und Bäume Gassi. Na ja – ich trotte vor mich hin und werde langsam wach, während der Hund seine Morgenzeitung abschnüffelt und alles geschäftliche erledigt... dann hatte es geschneit – ganz leicht – ein Zuckerguss über der Landschaft. Wir gingen über ein gefrorenes, brach liegendes Maisfeld und ich sah so gerade aus dem Schnee hervorschauen: Grashalme, Aststückchen, Maisblätter, Stöckchen, Spuren, Ästchen. Und ich dachte: Das ist genau das, was du die ganze Zeit machst – die Formen und Linien, die du meinst, neu zu erfinden. Und so musste ich einsehen: Alles ist und kommt aus der Natur – nichts wird neu erfunden – es wird nur sichtbar gemacht.